A.J.Triskel

Geschichten aus der BDSM-Welt

Dieser Roman wird keine reine BDSM-Geschichte.

Geplant ist der Roman als Zweiteiler mit einer Option auf einen 3. Teil.



Prolog

Oxana steht in der Tür des Arbeitszimmers und schaut sich den Schaden an. Ein Lächeln huscht über ihre Lippen. Sie löscht das Licht im Zimmer und setzt sich in den ledernen Ohrensessel. In dem nun unbeleuchteten Zimmer ist sie in ihrem schwarzen Lederkostüm auf dem gleichfarbigen Sessel kaum zu erkennen. Mit geschlossenen Augen dreht sie den Schalldämpfer auf die 9 mm Makarow und lädt die Waffe anschließend durch. Diesen Wink des Schicksals ungenutzt zu lassen, wäre fahrlässig von ihr. Sie legt die Pistole auf die rechte Lehne und überprüft ihren Plan noch einmal in Gedanken. Doch sie findet nichts, was sie vom Erlangen ihres Zieles noch abbringen kann.

1.

Oxana erblickte südwestlich der Provinzhauptstadt Krasnojarsk das Licht der Welt. Das sibirische Dorf am Nebenarm der Mana war so klein, dass es nur in regionalen Karten überhaupt Erwähnung fand und nur Kolchose SS-216 genannt wurde. Für die UdSSR, wie das Land bei ihrer Geburt noch hieß, war dieses Gebiet aber gar nicht so unbedeutend: Der Boden in der Region war sehr fruchtbar und fast jeder unbewohnte Fleck bewaldet. Dank der Kolchose und dem Sägewerk gab es genug Arbeit und keinem Dorfbewohner mangelte es an Lebensnotwendigem. Während die Mütter auf den Feldern und die Väter in der Sägemühle oder dem Wald arbeiteten, besuchten die Kinder die Schule oder spielten. Nur gelegentliche Schüsse eines Jägers aus dem Wald störten das idyllische Leben fernab der sozialistischen Hauptstadt.

Als Oxana in die Schule kam, fiel ihre Intelligenz und schnelle Auffassungsgabe auf: insbesondere ihre Begabung für Fremdsprachen. So nah an der chinesischen Grenze lebend, war es nicht ungewöhnlich, schon früh Mandarin zu lernen. Doch was fast jeden Nichtchinesen zum Wahnsinn treibt, machte ihr besondere Freude. Wie Laotse persönlich, zauberte sie mit dem Pinsel die Schriftzeichen aufs Papier.

Dann änderte sich die Welt von einem auf den anderen Tag!

Das ganze Dorf war in den Vorbereitungen des Jolkafestes* 1991, als sich die UdSSR in Luft auflöste. Einige wenige Erwachsene, die politisch interessiert waren, hatten diese Entwicklung kommen sehen; doch Kinder wie Oxana waren noch zu jung, um wirklich die Veränderungen im Land zu begreifen und feierten wie jedes Jahr unter der geschmückten Tanne in der weißen Winterlandschaft. Die Gespräche über Veränderungen, die die Erwachsenen führten, verstanden sie nicht: Denn die Veränderungen nach dem Fest fielen erst auf den zweiten Blick auf.

*Das christliche Weinachten durfte in der UDSSR nicht gefeiert werden. Deshalb feierte man am 31.Dezember ein großes, dem Weihnachtsfest ähnliches Jahresabschlußfest. Jolka heißt Tanne: die in Russland als Symbol für den Winter steht. Deshalb wurde das Fest politisch geduldet.

Im Boeuf Stroganoff oder Borschtsch war plötzlich mehr Fleisch als früher und es gab Obst, das man vorher nur aus Büchern kannte. Schokolade schmeckte nun nicht nur süß, sondern auch nach Kakao. Sonntags versammelte man sich in einem neuen Gebäude, – außer Acht lassend, dass das Dach auf dem im Bau befindlichen Bauwerk noch fehlte – um einen Gott anzubeten. Es wurde deshalb auch ein neues Fest gefeiert, das Ostern genannt wurde.

Befreit von der Angst denunziert zu werden, nahm man die Fastenzeit wieder sehr ernst.

Zwar verwirrte es die Kinder, vor dem Festtag nur sehr spärliche Kost zu bekommen, wurden aber danach mit Leckereien entschädigt, die sie nie zuvor gesehen hatten.

Die auffälligste Veränderung fand aber im Fernsehen statt. Nun konnten westliche Sender empfangen werden und damit auch Werbung. Plötzlich sahen die Einwohner Dinge, die ihnen wie aus einer anderen Welt vorkamen.

Oxana wollte diese Objekte unbedingt haben!

Schnell verstand sie, dass sie dafür Geld in einer Menge benötigte, die in der sibirischen Einöde nicht zu erlangen war, sondern nur im reichen Westen. Sie beschloss das Dorf zu verlassen, um vermögend zu werden, was für eine Neunjährige eine sehr ambitionierte Zielsetzung war. Mit Englisch und Deutsch lernte sie zwei wichtige Sprachen bereits in der Schule. Von nun an nutzte sie jede freie Minute, um diese Fremdsprachenkenntnisse zu optimieren. Sie intensivierte ihre Kenntnisse durch Filme in Originalsprache, aus denen sie noch etwas anderes lernte: Um erfolgreich zu sein, darf man keine Skrupel haben und Hindernisse auf dem Weg zum Ziel sind Feinde, die beseitigt werden müssen.

*

In der vierten Klasse fand ein Schulprojekt statt, bei dem die Schüler das Modell einer Stadt bauen sollten. Der Preis war die Teilnahme an einem einwöchigen Schulausflug nach St. Petersburg; inklusive eines Besuches der Eremitage. Sie wollte unbedingt gewinnen, was nichts Gutes für die Konkurrenz bedeutete.

Mit ihrer süßen Erscheinung und den unschuldigen kristallblauen Augen, schaffte sie es, dass alle Mitschüler sie peu à peu zu sich einluden; wo sie nichts Böses ahnend Oxana ihr Projekt zeigten. Nach Abschluss dieser Erkundigung sah sie nur einen Schüler als ernsthafte Konkurrenz an. Diese musste sie ausschalten.

Mit ihren langen blonden Haaren und dem Engelsgesicht hielten sie alle im Dorf für die Unschuld in Person. Doch aus ihrer Zielstrebigkeit erwuchs eine Skrupellosigkeit, die die Grenze zwischen Recht und Unrecht immer mehr verschwimmen ließ. Nicht, dass sie nicht wusste, was Unrecht war, doch es war für sie kein Hinderungsgrund mehr, sondern nur ein Anlass zu Vorsicht und besserer Planung.

Am Abend vor der Entscheidung wartete sie in ihrem Zimmer auf die Dämmerung und verließ dann heimlich das Haus. Im Schutz der Nacht schlich sie unbemerkt zum Grundstück der besagten Familie. Das Modell des Mitschülers war zu groß, um es im Haus zu lagern; deshalb verwahrten sie es in der Scheune, die etwa fünfzig Meter vom Haus entfernt war. Die Dunkelheit nutzend, stahl sie sich ungesehen in die Scheune. Es war Herbst und überall lagerten Heuballen, mit denen im Winter die Tiere gefüttert werden sollten. Um nicht durch den Lichtstrahl verraten zu werden, war sie mit einer Blaulichtlampe ausgerüstet. Mit ihrer Hilfe durchsuchte sie die Scheune und wurde schließlich auf dem Dachboden fündig. Auf vier zum Quadrat zusammengestellte Heuballen fand sie das gesuchte Objekt. Sie sammelte loses Heu, verteilte es auf dem Boden und legte es rund um die Ballen, auf denen das Modell stand. Plötzlich ließ sie ein Geräusch zusammenzucken. Sie suchte Schutz zwischen zwei Ballen und verharrte dort. Doch es waren nur zwei Mäuse, die über den Boden huschten und sich ein paar Halme sicherten. Sie atmete erleichtert auf und verließ noch einmal die Scheune, um sich zu vergewissern, dass sie weiterhin unbemerkt geblieben war. Dann schlich sie wieder hinein, entzündete das Heu und versteckte sich unweit der Scheune hinter einem Gebüsch. Es dauerte länger als erwartet, bis zuerst Rauch und schließlich auch Flammen aus dem Dachstuhl drangen. Das Gebäude stand schon lichterloh in Flammen, als die Familie es bemerkte. Eine Zeit lang beobachtete sie die Löschversuche, war sich aber sicher, ihr Ziel erreicht zu haben, und stahl sich davon.

Sie war schon fast außer Sichtweite der Scheune, da hörte sie diese einstürzen. Mit einem Schulterzucken quittierte sie diesen Kollateralschaden und ging siegesgewiss nach Hause.

*

Drei Wochen später saß sie zusammen mit Kindern anderer Schulen und einigen Lehrern in der Eisenbahn auf dem Weg nach St. Petersburg – das noch Monate zuvor Leningrad hieß und im Volksmund nur Piter genannt wurde.

Fast drei Tage dauerte die Reise und Oxana bekam eine Vorstellung davon, wie groß Russland war. Wie riesig musste dann erst die Welt sein?

Am frühen Mittag kamen sie im Moskauer Bahnhof von St. Petersburg an. Aufgeregt stieg sie aus dem Zug und war überwältigt von der Menschenmenge: Selbst auf Festen, die alle Dorfbewohner besuchten, waren weniger Menschen anwesend. Auf dem Weg zu ihrem Reisebus kamen sie an einem Geschäft vorbei, in dem auch ausländische Zeitungen verkauft wurden. Sie kaufte eine amerikanische und eine deutsche Zeitung, denn sie wollte wissen, ob ihre Kenntnisse der Sprachen schon ausreichten, diese zu Lesen. Sie wurden mit einem Bus vom Bahnhof abgeholt, um zum Hotel zu fahren. Während der Fahrt staunte Oxana über die vielen hohen Gebäude und den dichten Verkehr , die durch diese Großstadt wuselte. Völlig überwältigt von dem riesigen, prunkvollen Haus, stieg sie aus dem Bus und betrat das Hotel. Für die Gewinner des von der Regierung gesponserten Preises waren Zimmer im obersten Stockwerk reserviert. Sie fuhr mit dem Aufzug nach oben und stürmte dort in ihr Zimmer. Am Fenster konnte sie wie ein Vogel auf die Stadt hinabschauen und sehen, wie die Newa in die Ostsee mündete. Aus ihrer Perspektive erschien ihr das Gewässer wie ein unendlicher Ozean. Kaum hatte sie ihre Koffer ausgepackt, traf sich die Gruppe zum Essen im Hotelrestaurant.

Während die anderen Schüler sich für einheimische Gerichte entschieden, wählte Oxana ein Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln. Neugierig fragte sie den Ober, wozu die Zitrone und die Kapern seien. Er erklärte es ihr und empfahl passend zur Hauptspeise ein Stück Sachertorte zum Nachtisch, weil diese ebenfalls eine Wiener Spezialität sei.

Nach diesem Essen wurde Wien vorübergehend zu ihrer Lieblingsstadt.

Für eine Aufführung von Tschaikowskis Schwanensee, besuchten sie am Nachmittag das Mariinski-Theater. Oxana kam sich bei der romantischen Musik und anmutigen Darbietung vor wie in einem Traum. Die Welt hatte so viel Schönes zu bieten, dass es in ihrem Dorf nicht gab. Sie musste der ländlichen Provinz und dem einfachen Bauernleben entfliehen, damit sie in den Genuss dessen kam, was die weite Welt für sie bereithielt.

Beim Abendessen im Hotelrestaurant verschmähte sie wieder die einheimischen Angebote und wählte einen mediterranen Meeresfrüchtesalat. Nach diesem Genuss beschloss sie, bis zur Abreise alle ausländischen Gerichte auf der Karte ausprobiert zu haben.

Im Anschluss durften die Schüler wieder auf ihre Zimmer, wo Oxana direkt das Badezimmer inspizierte. Zu Hause konnte sie höchstens zweimal pro Woche in einer Zinkwanne baden, die mit heißem Wasser von der Feuerstelle gefüllt wurde. Hier gab es eine bequeme Keramikwanne mit goldfarbenen Wasserhähnen, aus denen das Nass in der gewünschten Temperatur kam. Man konnte es sogar sprudeln lassen, was sie besonders faszinierte. Eine der Zeitungen lesend, genoss sie die entspannende Wärme des sprudelnden Wassers. Erfreut stellte sie dabei fest, dass sie fast alles übersetzen konnte. Allerdings gab es dort auch Artikel, die sie inhaltlich nicht komplett verstand. – Internationale Politik und Kapitalismus waren als Schulfächer noch nicht bis in die Provinz vorgedrungen. Nach dem Bad blickte sie lange verträumt aus dem Fenster auf die Stadt. Die Musik der Ballettaufführung ging ihr dabei nicht aus dem Kopf. Schließlich fiel sie erschöpft von den Erlebnissen des Tages ins Bett und träumte davon, die Welt zu erobern.

Am Morgen erlebte sie die nächste Überraschung. Statt eines normalen Frühstücks fand sie im Restaurant ein riesiges Buffet vor. Darunter befanden sich viele Speisen, die sie nie zuvor gesehen hatte. Sie packte von allem, was sie nicht kannte, etwas auf ihren Teller und stellte fest, dass fast alles köstlich schmeckte.

Für den Tag stand eine Stadtrundfahrt auf dem Plan. In einem roten Doppeldeckerbus, den der Reiseveranstalter in London gekauft hatte, fuhren sie die Sehenswürdigkeiten der Stadt ab und bekamen dabei an jedem Haltepunkt die geschichtlichen Hintergründe erklärt. Auch für das Mittagessen besuchten sie ein Highlight: das allererste McDonalds in Russland. Es wurde ihre erste Erfahrung mit Burger und Pommes. Oxana rümpfte die Nase, als sie sah wie die anderen Kinder ihr Essen mit den Händen aßen.

Für die nächsten zwei Tage war der Besuch der Eremitage geplant, auf den sie sich so gefreut hatte.

Sie bewunderte die ausgestellten Kunstwerke. Doch auch die vielen Touristen erregten ihre Aufmerksamkeit. Mehrmals testete sie ihre Sprachkenntnisse an den ausländischen Besuchern und stellte zufrieden fest, dass sie alles verstand und auch verstanden wurde.

Am folgenden Tag wurden sie von einem Angestellten durch das Museum begleitet, der zu den Exponaten seiner Führung jede Menge Hintergrundinformationen vermittelte. Für Oxana war es unglaublich, was einige der ausgestellten Stücke wert waren. Die Menschen in ihrem Dorf verdienten ihr ganzes Leben lang nicht diese Summen. Es war für sie der letzte Ansporn, die Provinz zu verlassen, sobald die Möglichkeit dazu bestand.

Weil alle Schüler sich so vorbildlich verhalten hatten, durften sie am letzten Tag ihres Aufenthalts allein die Stadt erkunden. Oxana nutzte die Zeit bis zur Abreise, um sich, von ihren verbliebenen Rubel, in einer Buchhandlung zwei Bücher über die Geschichte der Familie Medici zu kaufen. Als der Zug drei Tage später in der Provinzhauptstadt ankam, hatte sie die fast achthundert Seiten komplett aufgesogen. Sie wusste nun, was sie tun musste, um erfolgreich zu werden und das Dorf verlassen zu können.

2.

Ihr Hobby wurde es von nun an, Geheimnisse über die Dorfbewohner zu sammeln, um diese zu ihrem Vorteil einsetzen zu können. Damit sie Beweise für diese Verfehlungen hatte, stahl sie in einem der neuen kapitalistischen Kaufhäuser eine unerschwinglich teure Digitalkamera und druckte die Bilder am Schulcomputer aus.

Ihre Eltern ließen ihr viele Freiheiten, deshalb fiel es nicht auf, wenn sie, kaum dass es dunkel wurde, aus dem Fenster kletterte, um heimlich die Menschen zu beobachten. Wie ein Geist huschte sie lautlos durch die dunklen Straßen und verfolgte verheiratete Männer auf dem Weg zu ihren Geliebten, um dann kompromittierende Fotos zu machen. In einem idyllischen Dorf zu leben kam ihr dabei entgegen: Nur wenige Menschen verschlossen dort ihre Türen. Sie sammelte Fotos von gewalttätigen Szenen in Ehen, Vergewaltigungen, Diebstählen. Geschäftsleute die ihre Waren im Schutze der Dunkelheit an der Hintertür geliefert bekamen. Der Frau, die sich von ihrem Hund lecken ließ und dem Mann, der kleinen Jungen nachstellte. Bald hatte sie Beweise für jede Leiche, die die Dorfbewohner im Keller hatten.

Bei ihren anschließenden Erpressungen ging sie sehr geschickt vor. Sie trat dabei nicht persönlich in Erscheinung und verlangte nur Dinge, die nicht auf sie als Täterin hinwiesen.  

Nie geriet das unschuldig aussehende Mädchen in Verdacht.

Noch etwas lernte sie aus den Fernsehfilmen und den mitgebrachten Büchern:

Eine Frau kann ihren Körper einsetzen, um Männer zu manipulieren.

Doch hatte sie als Zehnjährige von Sex keine Ahnung und musste sich dieses Wissen erst aneignen.

Das Internet war gerade im Kommen, aber noch nicht in ihrem Dorf angekommen. Sie musste eine vierzigminütige Zugfahrt in die Provinzhauptstadt auf sich nehmen, um in einem Internetcafé surfen zu können.

Eines Morgens  beschloss sie, statt in die Schule dorthin zu fahren und brachte am Nachmittag eine Liste von über hundert DVD-Titeln, die meisten davon harte Pornos, mit nach Hause zurück.

In der Schule fiel sie nur als außergewöhnlich gute Schülerin auf. Obwohl sie recht beliebt war, schien sie kaum engere Freundschaften zu haben. Hätten die Lehrer von ihren Aktivitäten gewusst, wäre ihnen klar gewesen, dass sie dafür schlicht keine Zeit hatte. Inzwischen sprach sie Deutsch und Englisch so gut, dass kaum ein Akzent zu hören war. Ihr Mandarin war so gut, dass sie Gespräche führen und Zeitungen lesen konnte. Was ihre Mitschüler sich mühsam schriftlich errechnen mussten, schaffte sie in der halben Zeit im Kopf.

Man schlug ihren Eltern vor, sie auf eine Eliteschule zu schicken, die sich in der Provinzhauptstadt befand. Oxana war begeistert von der Idee, war es doch der erste Schritt hinaus aus dem, ihrer Meinung nach, rückständigen Dorf. Außerdem müsste sie nun ihre gelegentlichen Fahrten dorthin nicht mehr verheimlichen.

Eine vergessene Jagdhütte im Wald wurde ihr geheimes Versteck. Sie war zu Zeiten des Sozialismus die Unterkunft für den staatlichen Jäger gewesen, der die Wölfe vom Dorf fernhielt. Deshalb gab es hier Strom- und Wasseranschlüsse, die sogar noch funktionierten.

Hierhin flüchte sie nicht nur, um allein zu sein. Sie versteckte hier auch ihre Beweise und Beute.

Nach den Ferien – sie war inzwischen stolze zwölf Jahre alt – fuhr sie jeden Tag mit der Eisenbahn in die Hauptstadt und wieder zurück. Der Unterrichtsstoff in der neuen Schule wurde schneller abgearbeitet als vorher. Das sorgte bei ihr für geringere Langeweile und weniger Schulstunden. Deshalb verwendete sie trotz der Fahrt die gleiche Zeit für die Schule, wie zuvor. Die vierzig Minuten Rückfahrt reichten fast immer, um die Hausaufgaben zu erledigen. Somit brauchte sie diese nicht wie vorher in der Hütte zu machen, sondern hatte nun sogar mehr Zeit für ihre Hobbys als zuvor.

Im Süden trennte die Wüste Gobi die Region von China. Eine Grenze, die nur schwer zu kontrollieren war. Zumal die dort beheimateten Mongolen zu gerne die Rolle des Handelsvermittlers übernahmen. Schmuggel und Schwarzmarkt blühten in diesem Gebiet fernab des Kremls, von dem aus nur selten Luxusgüter des Westens die Gegend erreichten. Zobel- und Wolfsfelle waren in China sehr begehrt und wurden gegen Elektronikwaren aus deren Provinz Taiwan getauscht. Deshalb hatte fast jeder Haushalt im Dorf einen Fernseher und Videorekorder sowie ein paar Dutzend Videokassetten mit westlichen Filmen. Bei den Frauen waren Streifen mit Doris Day und Marilyn Monroe und bei den Männern Western besonders beliebt. So war es nicht verwunderlich, dass diese beiden amerikanischen Damen, John Wayne und Henry Fonda bekannter in der Gegend waren als die meisten Politiker ihres eigenen Landes. Etwas, dass in Moskau sicher sauer aufgestoßen wäre; hätte man davon gewusst.

Dimitrij Pjotrowitsch Andropow, der Inhaber eines Elektrogeschäfts, kaufte einen Teil seiner Waren auf diese Weise. Oxana wusste davon und hatte dafür auch Beweisfotos.

Eines Tages fand er einen Briefumschlag mit drei dieser Fotos und einem Zettel vor. Auf diesem stand eine Liste mit DVDs und der Aufforderung, diese zusammen mit einem DVD-Player, einem Fernseher, einem PC und einem All-in-one-Drucker zwei Tage später im Wald zu verstecken.

Die geforderten Sachen zu besorgen, bereitete ihm keine Probleme und auch sein finanzieller Schaden war dabei eher gering. Daher biss er in den sauren Apfel, brachte das Gewünschte in den Wald und hoffte, nicht weiter erpresst zu werden.

Von einem Versteck im Gehölz aus beobachtete Oxana die Lieferung ihrer »Bestellung«. Als sie sicher war, dass Dimitrij den Wald wieder verlassen hatte,  brachte sie alles in ihre Jagdhütte.

Am Tag nach ihrem dreizehnten Geburtstag hatte die Einrichtung der Jagdhütte ein Ausmaß angenommen, bei der jeder Dorfbewohner grün vor Neid geworden wäre. Die Hütte hatte achtundzwanzig Quadratmeter Grundfläche und einen Dachstuhl. Oxana hatte sowohl von ihrer Mutter das Nähen als auch viel Handwerkliches von ihrem Vater gelernt. Es hatte über ein Jahr gedauert, alle Einrichtungsgegenstände zu organisieren, in die fast zwei Kilometer vom Dorf entfernte Hütte zu bringen und dort zusammenzubauen. Eine erstaunliche Leistung für eine Zwölfjährige, was ihre Entschlossenheit deutlich unterstrich. Niemand hätte dem kleinen Mädchen eine solche Performance zugetraut.

An der Rückwand der Hütte befand sich ein vier Meter breiter Schreibtisch, auf dem der PC mit Monitor und Drucker aufgebaut war. Umrahmt von zwei Regalen, die mit Büchern und DVDs gefüllt waren, standen an einer anderen Wand ein Fernseher und der DVD-Rekorder.

Sogar Teppiche lagen auf dem Fußboden. Doch am erstaunlichsten waren der Sessel und der Kühlschrank. Beides hatte sie nachts aus dem Haus eines gerade verstorbenen Dorfbewohners geholt und auf ihren Rodelschlitten geschnallt in den Wald gezogen. Der Verblichene hatte keine Familie mehr und so fiel niemandem das Fehlen der Stücke auf. Obwohl sich ihr Körper nach diesem Kraftakt anfühlte, als hätte sie gegen einen Bären gekämpft, und verloren, versetzte sie das Triumphgefühl in einen Glückszustand, der einem Drogenrausch ähnelte.

Auf dem Dachboden, der über eine Leiter erreichbar war, hatte sie sich aus einer zwei mal zwei Meter großen Luftmatratze – die sie sich in der Provinzhauptstadt in einem Campinggeschäft gekauft hatte – ein Bett gebastelt. Der Zweiplattenkocher und der Staubsauger waren da kaum noch eine Überraschung.

Sowohl die Hütte als auch der kleine, ein paar Meter entfernte Abort, waren mit militärischen Tarnnetzen bedeckt. Diese hatte sie in einem Geschäft gekauft, in dem man von den Streitkräften ausgemusterte Ausrüstung erwerben konnte. Durch die Tarnnetze war die Hütte nur zu entdecken, wenn man wusste, dass es sie gab – oder dagegen lief.

Sie verbrachte jede freie Minute in der Hütte und studierte Bücher über die Geschichten mächtiger Familien, Philosophen wie Machiavelli, sowie der detaillierten Durchforschung ihrer DVDs für Erwachsene. Bald wusste sie theoretisch alles darüber, wie Frauen Männer manipulieren können und wie rücksichtslos jemand sein muss, um Erfolg zu haben. Besondere Freude bereitete ihr die Serie Dallas, mit ihrem großen Idol J. R. Ewing. Wie jeder Schüler nahm sie sich vor, ihr Vorbild zu übertreffen.

3.

Nun musste sie ihr theoretisches Wissen in praktische Erfahrungen umsetzen.

In der Anonymität ihrer Waldhütte streichelte sie sich zu ihren ersten Orgasmen. Bald wusste sie, wie ihr Körper auf unterschiedliche Stimulierungen reagierte. Doch Sex ist eigentlich nicht für eine einzelne Person gedacht und so brauchte sie ein männliches Forschungsobjekt.

Ein hübsches Mädchen wie sie war natürlich der Schwarm aller Jungen und jeder kam als Opfer infrage. Um möglichst wenig Gefahr zu laufen, die Kontrolle über die Situation zu verlieren, wählte sie den Außenseiter der Dorfschule aus. Dieser konnte sein Glück kaum fassen, dass sich das hübscheste Mädchen des Dorfes für ihn interessierte. Er ahnte nicht, auf was er sich einließ und dass er nur ein Versuchskaninchen sein sollte.

Akribisch bereitete sie in ihrer Hütte alles für ihren Plan vor. Zu ihrem vierzehnten Geburtstag lockte sie ihn an den See am Waldrand. Ihrem Plan entsprechend schwammen sie zuerst eine Runde, damit beide nur noch spärlich bekleidet waren. Bei dem anschließenden Picknick zog ihr fast nackter Körper seine neugierigen Blicke an. Als dieser Anblick sein Gehirn vom Kopf zwischen die Beine teleportiert hatte, überrumpelte sie ihn mit einer Frage.

„Willst du mich komplett nackt sehen und dir alles genau ansehen dürfen?“

Ein vierzehnjähriger Junge, der inzwischen entdeckt hatte, dass das Ding in seiner Hose nicht nur zum Wasserlassen geeignet war, konnte so ein Angebot nicht ausschlagen.

Mit leuchtenden Augen antwortete er „Ja.“

Er versprach ihr alles zu tun, was sie von ihm verlangen würde und sich, egal was sie tat, nicht zu wehren. Daraufhin fesselte sie ihm die Hände und zog ihm einen kleinen Sack über den Kopf, den sie mit einer Kordel an seinem Hals zuzog. Dann führte sie ihr nur mit einer Badehose bekleidetes Opfer zu ihrem Versteck. Es dauerte etwas, bis sie den blinden, gefesselten Jungen dazu bewegt hatte, die Leiter zum Dachstuhl zu erklimmen. Dort musste er sich auf die Matratze legen.

Diese hatte an den Ecken Schlaufen, die eigentlich dazu gedacht waren, sie zu tragen oder am Boden zu fixieren. Oxana löste seine Fesseln und band jede Hand mit einem Seil an eine der oberen Laschen fest, sodass seine Arme gespreizt und gestreckt von seinem Körper zeigten.  Dann baute sie ihre Kamera auf und schaltete sie ein. Die Aufnahme würde ihr als Studienmaterial dienen und auch als Druckmittel, damit der Junge hinterher nicht zu gesprächig über die Ereignisse des Tages war.



Fortsetzung demnächst im Séparée