A.J.Triskel

Geschichten aus der BDSM-Welt

Dieser Roman wird keine reine BDSM-Geschichte.

Geplant ist der Roman als Zweiteiler mit einer Option auf einen 3. Teil.


Prolog


Oxana erblickte südwestlich der Provinzhauptstadt Krasnojarsk das Licht der Welt. Das sibirische Dorf am Nebenfluss der Mana war so klein, dass es nur in regionalen Karten überhaupt Erwähnung fand. Für die UdSSR, wie das Land bei ihrer Geburt noch hieß, war dieses Gebiet aber gar nicht so unbedeutend. Der Boden in der Region war sehr fruchtbar und fast jeder unbewohnte Fleck bewaldet. Dank der Kolchose und dem Sägewerk gab es genug Arbeit und keinem Dorfbewohner mangelte es an Lebensnotwendigem. Während die Mütter auf den Feldern und die Väter in der Sägemühle oder dem Wald arbeiteten, besuchten die Kinder die Schule oder spielten. Nur gelegentliche Schüsse eines Jägers aus dem Wald, störten das idyllische Leben.


Dann änderte sich die Welt von einen auf den anderen Tag.


Das ganze Dorf war in den Vorbereitungen des Jolkafestes 1991, als sich die UdSSR in Luft auflöste. Einige wenige Erwachsene, die politisch interessiert waren, hatten diese Entwicklung kommen sehen; doch Kinder wie Oxana waren noch zu jung, um wirklich die Veränderungen im Land zu begreifen. Sie feierten wie jedes Jahr unter der geschmückten Tanne in der weißen Winterlandschaft. Doch die Gespräche über Veränderungen, die die Erwachsenen führten, verstanden sie nicht.

Nach dem Fest machten die Erwachsenen weiterhin die gleiche Arbeit. Doch im Boeuf Stroganoff oder Borschtsch war plötzlich mehr Fleisch als früher und es gab Obst, das man vorher nur aus Büchern kannte. Schokolade schmeckte nun nicht nur süß, sondern auch nach Kakao.

Sonntags versammelte man sich in einem neuen Gebäude, – außer Acht lassend, dass das Dach auf dem im Bau befindlichen Bauwerk noch fehlte – um einen Gott anzubeten. Es wurde auch ein neues Fest gefeiert, das Ostern genannt wurde. Zwar verwirrte es die Kinder, dass es vor dem Festtag nur sehr spärliche Kost gab, aber sie wurden danach mit Leckereien entschädigt, die sie nie zuvor gesehen hatten.

Die auffälligste Veränderung fand aber im Fernsehen statt. Nun konnten westliche Sender empfangen werden und damit auch Werbung. Plötzlich sahen die Einwohner Dinge, die für sie wie von einem anderen Stern waren.


Oxana wollte diese Objekte unbedingt haben!


Schnell verstand sie, dass sie Geld in einer Menge benötigte, die in der sibirischen Einöde nicht zu erlangen war, sondern nur im reichen Europa oder Amerika. Sie setzte sich zum Ziel, das Dorf zu verlassen, um vermögend zu werden, was für eine 9-Jährige schon eine sehr ambitionierte Zielsetzung war.


Bis Oxana in die Schule kam, war sie ein Kind unter vielen im Dorf. Kaum kam sie in die Schule, fiel ihre Intelligenz und schnelle Auffassungsgabe auf. – Insbesondere ihre Begabung für Fremdsprachen. So nah an der chinesischen Grenze lebend, war es nicht ungewöhnlich, schon früh Mandarin zu lernen. Doch was fast jeden Nichtchinesen zum Wahnsinn treibt, machte ihr besondere Freude. Wie Laotse persönlich, zauberte sie mit dem Pinsel die Schriftzeichen aufs Papier. Sie entschied, dass Englisch und Deutsch die wichtigsten Sprachen für ihr Ziel seien, und nutzte jede freie Minute zum Lernen dieser Fremdsprachen.

Vieles eignete sie sich durch Filme in Originalsprache an, aus denen sie noch etwas anderes lernte: Um erfolgreich zu sein, darf man keine Skrupel haben und Hindernisse auf dem Weg zum Ziel sind Feinde, die beseitigt werden müssen.

Mit ihren langen blonden Haaren und dem Engelsgesicht hielten sie alle im Dorf für die Unschuld in Person. Doch ihre entstandene Skrupellosigkeit, ließ die Grenze zwischen Recht und Unrecht immer mehr verschwimmen. Nicht, dass sie nicht wusste, was Unrecht war, aber es war für sie kein Hinderungsgrund, sondern nur ein Anlass zu Vorsicht und besserer Planung.

In der vierten Klasse fand ein Schulprojekt statt, bei dem die Schüler das Modell einer Stadt bauen sollten. Der Preis war die Teilnahme an einem einwöchigen Schulausflug nach St. Petersburg; inklusive eines Besuches der Eremitage. Sie wollte unbedingt gewinnen,

und das bedeutete nichts Gutes für die Konkurrenz!


Mit ihrer süßen Erscheinung und den unschuldigen kristallblauen Augen, schaffte sie es, dass alle Mitschüler sie peu à peu zu sich einluden; wo sie dann, nichts Böses ahnend, Oxana ihr Projekt zeigten. Im Anschluss dieser Erkundigung reduzierte sich ihrer Einschätzung nach die ernsthafte Konkurrenz auf einen Schüler.


*


Am Abend vor der Entscheidung verließ sie heimlich das Haus und schlich im Schutz der Dämmerung zum Grundstück der besagten Familie. Das Modell des Mitschülers war zu groß, um es im Haus zu lagern; deshalb verwahrten sie es in der Scheune, die etwa 50 Meter vom Haus entfernt war. Die Dunkelheit nutzend, stahl sie sich ungesehen in die Scheune. Es war Herbst und somit war diese voller Heuballen, mit denen im Winter die Tiere gefüttert werden sollten. Mit einer Blaulichtlampe ausgerüstet, durchsuchte sie die Scheune und wurde auf dem Dachboden fündig. Auf vier zum Quadrat zusammengestellte Heuballen fand sie das gesuchte Objekt. Sie riss Heu aus einem Ballen heraus und legte es rund um die Ballen, auf denen das Modell stand. Kurz zuckte sie zusammen, als sie ein Geräusch hörte und sah eine Maus über den Boden huschen. Sie atmete erleichtert auf und verließ noch einmal die Scheune, um sich zu vergewissern, dass sie weiterhin unbemerkt geblieben war. Dann schlich sie wieder hinein, entzündete das Stroh vor den Ballen und versteckte sich unweit der Scheune hinter einem Gebüsch. Es dauerte länger als sie erwartet hatte, bis zuerst Rauch und schließlich auch Flammen aus dem Dachstuhl drangen. Das Gebäude stand schon lichterloh in Flammen als die Familie es bemerkte. Eine Zeit lang beobachtete sie die Löschversuche, war sich aber sicher, ihr Ziel erreicht zu haben.

Sie war schon fast außer Sichtweite der Scheune, da sah und hörte sie diese einstürzen. Mit einem Schulterzucken quittierte sie diesen Kollateralschaden und ging siegesgewiss nach Hause.


*


Drei Wochen später saß sie zusammen mit Kindern anderer Schulen und einigen Lehrern in der Eisenbahn auf dem Weg nach St. Petersburg – das noch Monate zuvor Leningrad hieß und im Volksmund nur Piter genannt wurde.

Fast drei Tage dauerte die Reise und Oxana bekam eine Vorstellung davon, wie groß Russland war. Wie riesig musste dann erst die Welt sein?


Am frühen Mittag kamen sie im Moskauer Bahnhof von St. Petersburg an.

Die Ankunft war ein überwältigendes Ereignis für Oxana. Noch nie zuvor hatte sie eine solche Menschenmenge gesehen. Selbst auf Festen, die alle Dorfbewohner besuchten, waren weniger Menschen anwesend. Auf dem Weg zu den Taxis kamen sie an einem Geschäft vorbei, in dem auch ausländische Zeitungen verkauft wurden. Oxana war neugierig, was in anderen Ländern geschrieben wurde und ob ihre Kenntnisse der Sprachen schon dafür ausreichten. Sie kaufte eine amerikanische und eine deutsche Zeitung, während ihre Gruppe auf sie wartete.

Ein Reisebus holte sie vom Bahnhof ab und brachte sie in ihr Hotel.


Die Reise war vom Staat gesponsert, der für die Schüler Zimmer im obersten Stockwerk reserviert hatte. Völlig überwältigt von dem riesigen, prunkvollen Haus, betrat sie das Hotel. Sie fuhr mit dem Aufzug nach oben und stürmte dort in ihr Zimmer. Am Fenster konnte sie wie ein Vogel auf die Stadt hinabschauen und sehen, wie die Newa in die Ostsee mündete. Aus ihrer Perspektive erschien ihr das Gewässer wie ein unendlicher Ozean. Kaum hatte sie ihre Koffer ausgepackt, traf sich die Gruppe zum Essen im Hotelrestaurant.

Während die anderen Schüler sich für einheimische Gerichte entschieden, wählte Oxana ein Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln. Verwundert fragte sie einen Ober, wozu die Zitrone und die Kapern seien. Er erklärte es ihr und empfahl passend zur Hauptspeise ein Stück Sachertorte zum Nachtisch, weil diese ebenfalls eine Wiener Spezialität sei.

Nach dem Essen wurde Wien vorübergehend zu ihrer Lieblingsstadt.

Am Nachmittag ging es ins Mariinski-Theater, zu einer Aufführung von Tschaikowskis Schwanensee. Sie kam sich bei der romantischen Musik und anmutigen Darbietung vor wie in einem Traum. Die Welt hatte so viel Schönes zu bieten, dass es in ihrem Dorf nicht gab. Sie musste der ländlichen Provinz und dem einfachen Bauernleben entfliehen, damit sie in den Genuss dessen kam, was die weite Welt für sie bereithielt.

Beim Abendessen im Hotelrestaurant verschmähte sie wieder die einheimischen Angebote und wählte einen mediterranen Meeresfrüchtesalat. Nach diesem Genuss beschloss sie, bis zur Abreise alle ausländischen Gerichte auf der Karte ausprobiert zu haben.

Anschließend durften die Schüler wieder auf ihre Zimmer, wo Oxana direkt das Badezimmer inspizierte. Zu Hause konnte sie höchstens zweimal pro Woche in einer Zinkwanne baden, die mit heißem Wasser von der Feuerstelle gefüllt wurde. Hier gab es eine bequeme Keramikwanne mit goldfarbenen Wasserhähnen, aus denen das Nass in der gewünschten Temperatur kam. Man konnte es sogar sprudeln lassen, was sie besonders faszinierte. Eine der Zeitungen lesend, genoss sie die entspannende Wärme des sprudelnden  Wassers. Erfreut stellte sie dabei fest, dass sie fast alles übersetzen konnte. Allerdings gab es dort auch Artikel, die sie inhaltlich nicht komplett verstand. – Internationale Politik und Kapitalismus waren als Schulfächer noch nicht in der Provinz angekommen. Nach dem Bad blickte sie lange verträumt aus dem Fenster auf die Stadt. Die Musik der Ballettaufführung ging ihr dabei nicht aus dem Kopf. Schließlich fiel sie erschöpft von den Erlebnissen des Tages ins Bett.


Am Morgen erlebte sie die nächste Überraschung. Statt eines normalen Frühstücks fand sie im Restaurant ein riesiges Buffet vor. Darunter befanden sich viele Speisen, die sie nie zuvor gesehen hatte. Sie packte von allem, was sie nicht kannte, etwas auf ihren Teller und stellte fest, dass fast alles köstlich schmeckte.

Für den Tag stand eine Stadtrundfahrt auf dem Plan. In einem roten Doppeldeckerbus, den der Reiseveranstalter in London gekauft hatte, fuhren sie die Sehenswürdigkeiten der Stadt ab und bekamen dabei an jedem Haltepunkt die geschichtlichen Hintergründe erklärt. Auch für das Mittagessen besuchten sie ein Highlight: das allererste McDonalds in Russland. Es wurde ihre erste Erfahrung mit Burger und Pommes.


Für die nächsten zwei Tage war der Besuch der Eremitage geplant, auf den sich Oxana so gefreut hatte.

Sie bewunderte die ausgestellten Kunstwerke; doch noch mehr erregten die vielen Touristen ihre Aufmerksamkeit. Mehrmals testete sie ihre Sprachkenntnisse an den ausländischen Besuchern und stellte zufrieden fest, dass sie alles verstand und auch verstanden wurde.

Am zweiten Tag wurden sie von einem Angestellten durch das Museum begleitet, der zu den Exponaten seiner Führung jede Menge Hintergrundinformationen vermittelte. Für Oxana war es unglaublich, was einige der ausgestellten Stücke wert waren. Es waren Summen, die die Menschen in ihrem Dorf ihr ganzes Leben lang nicht verdienten. Es war für sie der letzte Ansporn, die Provinz zu verlassen, sobald die Möglichkeit dazu bestand.


Weil alle Schüler sich so vorbildlich verhalten hatten, durften sie am letzten Tag ihres Aufenthalts allein die Stadt erkunden. Oxana nutzte die Zeit bis zur Abreise, um sich, von ihren verbliebenen Rubel, in einer Buchhandlung zwei Bücher über die Geschichte der Familie Medici zu kaufen. Als der Zug drei Tage später in der Provinzhauptstadt ankam, hatte sie die fast 800 Seiten komplett aufgesogen. Sie wusste nun, was sie tun musste, um erfolgreich zu werden und das Dorf verlassen zu können.


1. Das Dorf der gelüfteten Geheimnisse


Ihr Hobby wurde es von nun an, Geheimnisse über die Dorfbewohner zu sammeln, um diese zu ihrem Vorteil einsetzen zu können. Damit sie Beweise für diese Verfehlungen hatte, stahl sie in einem der neuen kapitalistischen Kaufhäuser eine unerschwinglich teure Digitalkamera.

Ihre Eltern ließen ihr viele Freiheiten, deshalb fiel es nicht auf, wenn sie, kaum dass es dunkel wurde, aus dem Fenster kletterte, um heimlich die Menschen zu beobachten. Wie ein Geist huschte sie lautlos durch die dunklen Straßen und verfolgte verheiratete Männer auf dem Weg zu ihren Geliebten, um dann kompromittierende Fotos zu machen. In einem idyllischen Dorf zu leben kam ihr dabei entgegen: Nur wenige Menschen verschlossen dort ihre Türen. Sie sammelte Fotos von gewalttätigen Szenen in Ehen, Vergewaltigungen, Diebstählen. Geschäftsleute die ihre Waren im Schutze der Dunkelheit an der Hintertür geliefert bekamen. Der Frau, die sich von ihrem Hund lecken ließ und dem Mann, der kleinen Jungen nachstellte. Bald hatte sie Beweise für jede Leiche, die die Dorfbewohner im Keller hatten.


Bei ihren anschließenden Erpressungen ging sie sehr geschickt vor. Nie trat sie dabei persönlich in Erscheinung und verlangte nur Dinge, die nicht auf sie als Täterin hinwiesen.  

Nie geriet das unschuldig aussehende Mädchen in Verdacht.


Noch etwas lernte sie aus den Fernsehfilmen und den mitgebrachten Büchern:

Eine Frau kann ihren Körper einsetzen, um Männer zu manipulieren.

Doch hatte sie als 10-Jährige von Sex keine Ahnung und musste sich dieses Wissen erst aneignen.

Das Internet war gerade im Kommen, aber noch nicht in ihrem Dorf angekommen. Sie musste eine vierzigminütige Zugfahrt in die Provinzhauptstadt auf sich nehmen, um in einem Internetcafé surfen zu können.

Eines Morgens  beschloss sie spontan, statt in die Schule dorthin zu fahren und  brachte am Nachmittag eine Liste von über 100 DVD-Titeln, die meisten davon harte Pornos, mit nach Hause zurück .


In der Schule fiel sie nur als außergewöhnlich gute Schülerin auf. Obwohl sie recht beliebt war, schien sie kaum engeren Freundschaften zu haben. Hätten die Lehrer von ihren Aktivitäten gewusst, wäre ihnen klar gewesen, dass sie dafür schlicht keine Zeit hatte. Inzwischen sprach sie Deutsch und Englisch so gut, dass kaum ein Akzent zu hören war. Ihr Mandarin war so gut, dass sie Gespräche führen und Zeitungen lesen konnte. Was ihre Mitschüler sich mühsam schriftlich errechnen mussten, schaffte sie in der halben Zeit im Kopf.

Man schlug ihren Eltern vor, sie auf eine Eliteschule zu schicken, die sich in der Provinzhauptstadt befand. Oxana war begeistert von der Idee, war es doch der erste Schritt hinaus aus dem, ihrer Meinung nach, rückständigen Dorf. Außerdem musste sie nun ihre gelegentlichen Fahrten dorthin nicht mehr verheimlichen.


Eine vergessene Jagdhütte im Wald wurde ihr geheimes Versteck. Sie war zu Zeiten des Sozialismus die Unterkunft für den staatlichen Jäger gewesen, der die Wölfe vom Dorf fernhielt. Deshalb gab es hier Strom- und Wasseranschlüsse, die sogar noch funktionierten.

Hierhin flüchte sie nicht nur, um allein zu sein. Sie versteckte hier auch ihre Beweise und Beute.


Nach den Ferien – sie war inzwischen stolze 12 Jahre alt – fuhr sie jeden Tag mit der Eisenbahn in die Hauptstadt und wieder zurück. Der Unterrichtsstoff in der neuen Schule wurde schneller abgearbeitet als vorher. Das sorgte bei ihr für geringere Langeweile und weniger Schulstunden. Deshalb verwendete sie trotz der Fahrt die gleiche Zeit für die Schule, wie zuvor. Die 40 Minuten Rückfahrt reichten fast immer, um die Hausaufgaben zu erledigen. Somit brauchte sie diese nicht wie vorher in der Hütte zu machen, sondern hatte nun sogar mehr Zeit für ihre Hobbys als zuvor.


Im Süden trennte die Wüste Gobi die Region von China. Eine Grenze, die nur schwer zu kontrollieren war. Zumal die dort beheimateten Mongolen zu gerne die Rolle des Handelsvermittlers übernahmen. Schmuggel und Schwarzmarkt blühten in diesem Gebiet fernab des Kremls, von dem aus nur selten Luxusgüter des Westens die Gegend erreichten. Zobel- und Wolfsfelle waren in China sehr begehrt und wurden gegen Elektronikwaren aus deren Provinz Taiwan getauscht. Deshalb hatte fast jeder Haushalt im Dorf einen Fernseher und Videorekorder sowie ein paar Dutzend Videokassetten mit westlichen Filmen. Bei den Frauen waren Streifen mit Doris Day und Marilyn Monroe und bei den Männern Western besonders beliebt. So war es nicht verwunderlich, dass diese beiden amerikanischen Damen, John Wayne und Henry Fonda bekannter in der Gegend waren als die meisten Politiker ihres eigenen Landes. Etwas, dass in Moskau sicher sauer aufgestoßen wäre; hätte man davon gewusst.


Dimitrij Pjotrowitsch Andropow, der Inhaber eines Elektrogeschäfts, kaufte einen Teil seiner Waren im Ausland und brachte sie illegal ins Land. Oxana wusste davon und hatte dafür auch Beweisfotos.

Eines Tages fand er einen Briefumschlag mit drei dieser Fotos und einem Zettel vor. Auf diesem stand eine Liste mit DVDs und der Aufforderung, diese zusammen mit einem DVD-Player, einem Fernseher, einem PC und einem All-in-one-Drucker zwei Tage später im Wald zu verstecken.

Die geforderten Sachen zu besorgen, bereitete ihm keine Probleme und auch sein finanzieller Schaden war dabei eher gering. Daher biss er in den sauren Apfel, brachte das Gewünschte in den Wald und hoffte, nicht weiter erpresst zu werden.

Von einem Versteck im Gehölz aus beobachtete Oxana die Lieferung ihrer »Bestellung«. Als sie sicher war, dass Dimitrij den Wald wieder verlassen hatte,  brachte sie alles in ihre Jagdhütte.


Am Tag nach ihrem dreizehnten Geburtstag hatte die Einrichtung der Jagdhütte ein Ausmaß angenommen, bei der jeder Dorfbewohner grün vor Neid geworden wäre. Die Hütte hatte 28 m² Grundfläche und einen Dachstuhl. Oxana hatte sowohl von ihrer Mutter das Nähen als auch viel Handwerkliches von ihrem Vater gelernt. Es hatte über ein Jahr gedauert, alle Einrichtungsgegenstände zu organisieren, in die fast zwei Kilometer vom Dorf entfernte Hütte zu bringen und dort zusammenzubauen. Eine erstaunliche Leistung für eine 12-Jährige, was ihre Entschlossenheit deutlich unterstrich. Niemand hätte dem kleinen Mädchen eine solche Performance zugetraut.


An der Rückwand der Hütte befand sich ein vier Meter breiter Schreibtisch, auf dem der PC mit Monitor und Drucker aufgebaut war. Umrahmt von zwei Regalen, die mit Büchern und DVDs gefüllt waren, standen an einer anderen Wand ein Fernseher und der DVD-Rekorder.

Sogar Teppiche lagen auf dem Fußboden. Doch am erstaunlichsten waren der Sessel und der Kühlschrank. Beides hatte sie nachts aus dem Haus eines gerade verstorbenen Dorfbewohners geholt und auf ihren Rodelschlitten geschnallt in den Wald gezogen. Der Verblichene hatte keine Familie mehr und so fiel niemandem das Fehlen der Stücke auf. Obwohl sich ihr Körper nach diesem Kraftakt anfühlte, als hätte sie gegen einen Bären gekämpft, und verloren, versetzte sie das Triumphgefühl in einen Glückszustand, der einem Drogenrausch ähnelte.


Auf dem Dachboden, der über eine Leiter erreichbar war, hatte sie sich aus einer zwei mal zwei Meter großen Luftmatratze – die sie sich in der Provinzhauptstadt in einem Campinggeschäft gekauft hatte – ein Bett gebastelt. Der Zweiplattenkocher und der Staubsauger waren da kaum noch eine Überraschung.

Sowohl die Hütte als auch der kleine, ein paar Meter entfernte Abort, waren mit militärischen Tarnnetzen bedeckt. Diese hatte sie in einem Geschäft gekauft, in dem man von den Streitkräften ausgemusterte Ausrüstung erwerben konnte. Durch die Tarnnetze war die Hütte nur zu entdecken, wenn man wusste, dass es sie gab – oder dagegen lief.


Sie verbrachte jede freie Minute mit dem Studium der Bücher über die Geschichten mächtiger Familien, Philosophen wie Machiavelli sowie der detaillierten Durchforschung ihrer DVDs für Erwachsene. Besondere Freude bereitete ihr die Serie Dallas, mit ihrem großen Idol J. R. Ewing. Bald wusste sie theoretisch alles darüber, wie Frauen Männer manipulieren können und wie rücksichtslos jemand sein muss, um Erfolg zu haben. Wie jeder Schüler nahm sie sich vor, ihr Vorbild zu übertreffen.


Nun musste sie ihr theoretisches Wissen in praktische Erfahrungen umsetzen.

In der Anonymität ihrer Waldhütte streichelte sie sich zu ihren ersten Orgasmen. Bald wusste sie, wie ihr Körper auf unterschiedliche Stimulierungen reagierte. Doch Sex ist eigentlich nicht für eine einzelne Person gedacht und so brauchte sie ein männliches Forschungsobjekt.

Ein hübsches Mädchen wie sie war natürlich der Schwarm aller Jungen und jeder kam als Opfer infrage. Um möglichst wenig Gefahr zu laufen, die Kontrolle über die Situation zu verlieren, wählte sie den Außenseiter der Dorfschule aus. Dieser konnte sein Glück kaum fassen, dass sich das hübscheste Mädchen des Dorfes für ihn interessierte. Er ahnte nicht, auf was er sich einließ und dass er nur ein Versuchskaninchen sein sollte.